Ich glaubs ja nicht. Da bin ich schon international anerkannter Schriftsteller und hab noch gar kein Buch geschrieben und ein Bekannter von mir wird mal kurzerhand Verleger, weil kein Verlag sein Buch wollte: Fiona kommt in den Buchhandel
Fürs Protokoll: Ich kenne also jetzt zwei Verlage, aber wie man ein Buch schreibt, habe ich noch nicht rausgefunden.
Irgendwie ist er nicht der einzige, bei dem das Manuskript jahrelang in der Schublade lag und nur noch nicht verkauft war. Ob das spezielle Schubladen sind? Ich nehm dann gleich zwei oder drei davon.
Papa, "Nur der Tod ist umsonst - und der nimmt das Leben.", hast Du immer gesagt.
Wann habe ich Dich zuletzt „Papa“ genannt? Nein, sags nicht. Es ist viel zu lange her. Ich war grad in der Gegend und wollte mal auf nen Sprung vorbeischaun. Naja, das stimmt nicht ganz. Ehrlich gesagt habe ichs eingerichtet, in die Gegend zu kommen. Ich wollte nicht extra Deinetwegen quer durch die Republik jetten. Das wolltest Du doch nie. Deine "Hotelkosten", wie Du Dich zynisch ausdrücktest, wären ohnehin schon hoch genug. Jeder Blick auf den Kontoauszug würde dann schon Gedenken genug sein, unktest Du ironisch. Aber irgendwie fällt es mir hier leichter. Seltsam. Hier fühle ich mich Dir näher, obwohl wir uns hier noch nie begegnet waren.
Ich wollte Dich fragen, was bedeutet eigentlich „In stillem Gedenken.“? Der Gedanke an viel Aufhebens um Deinen Abgang war Dir ja immer zuwider. Im engsten Familienkreis wolltest Du beigesetzt werden. War das sehr schlimm, dass ich so ausgerastet bin? Ich konnte nicht mehr diese gestelzte, ohnehin aufgesetzte Haltung bewahren. Es wollte raus: Ich musste einfach schreien, heulen und um mich schlagen. Ich weiss auch nicht warum, Papa. Ich hab mich so geschämt und gedacht, jetzt fällt mein schlechter Eindruck wieder auf Dich zurück. Im Nachhinein ist mir dann eingefallen, dass Du jetzt ja tot bist. Da kanns Dir ja eigentlich egal sein, was die Leute von Dir denken. Trotzdem...
Alle waren so schick angezogen und keiner wusste so recht, was zu sagen war. Es gab auch eigentlich nichts zu sagen. Meintest Du das damit, Papa? Dass wir gar nichts sagen müssen? In der Kapelle hab ichs kaum ausgehalten. Die drückende Stimmung, dieser süssliche Duft. Und draussen am Grab ist es dann über mich gekommen. Irgendwas ist da drinnen aufgeplatzt, es reichte nicht mehr, nur innerlich zu fluchen und am liebsten hätte ich alles eigenhändig zugeschaufelt. Ich bin aber nicht weiter gekommen, als diese blütengefüllte Schale mitsamt Ständer wegzutreten – irgendjemand hat mich gepackt und ich weiss nicht wie lange festgehalten, bis ich mich beruhigt hatte.
Auf einmal war mir alles so falsch vorgekommen. So scheinheilig. Gerade mir als Konfessionslosem. Und weil das doch alles so nicht geplant war, dann aber aus rechtlichen Gründen nicht anders ging.
Das war auch der Grund, warum ich die letzten zwanzig Jahre keinen Fuss mehr auf diesen Boden gesetzt habe. Aber jetzt, da die Einschläge um mich herum immer dichter werden... hab ich meine Meinung geändert. Weisste was, wenn es für mich so weit ist, dann zieh ich hier bei Dir wieder ein.
Heutzutage ist der Tod zwar immer noch umsonst, aber für meine Angehörigen wenigstens auch kostenlos.
Da war die DB (zum Normalpreis!) mal billiger als der Billigflieger. Zumal ich über Wien hätte fliegen und dort zweimal übernachten müssen, um tatsächlich einen Flug zu bekommen, der genauso teuer war wie die Bahnfahrt - die anderen waren doppelt so teuer für den einfachen Flug wie die Bahn hin und zurück.
Frühstück kostet im BordBistro nur die Hälfte gegenüber dem BordRestaurant - hier kostet sitzen also nicht das gleiche! Hätte ich das gleich erkannt, hätte ich nicht die Pilzrahmsuppe (war sehr lecker) gefrühstückt, sondern das Croissant nebst Aufstrich.
Leider funktionierte die Steckdose nicht, so dass ich mich auf zwei Stunden Arbeit am Laptop beschränken musste. Wenigstens konnte ich mir den Code meines Kommilitonen ansehen und an meinem geringfügig weiterarbeiten. Trotzdem oder vielleicht deswegen kam ich pünktlich (!) in Innsbruck am Hauptbahnhof an. Neun Uhr morgens bis halb sechs abends - das ist ein voller Arbeitstag, den ich im Zug verbracht habe.
In Innsbruck machte ich erstmal eine kleine Stadtrundfahrt (wir ham ja Zeit, gell) mit dem Taxi zum Volkshaus Innsbruck (was der Taxifahrer nicht gleich fand, da es in Innsbruck nur eine Jugendherberge gibt, obschon sich das Volkshaus ebenso bezeichnet) und mit dem Bus wieder zurück. Dann war ich aber mehr als zeitig vor Ort am Statturm Nähe Goldenes Dachl und noch viel näher am Gasthof WEISSES KREUZ.
Ich bewunderte eine verschlossene Gittertüre, die zum Alter des Gemäuers gut passte. Als ich mich etwas unschlüssig umschaute, entdeckte ich gleich zwei Leidensgenossen, die auch lesen mussten, und kondulierte brav. Wir hatten nur wenig Gelegenheit, uns gegenseitig zu benitleiden, denn keine Zigarettenlänge später kam der Veranstalter zur feierlichen Türeneröffnung herunter.
Der Stadtturm Innsbruck ist ein sehr altes Gebäude und ich war froh, dass wir nur in den Bürgersaal im 2. Stock hochkraxeln mussten und nicht bis zur Aussichtsplattform. Der Raum war wirklich sehr edel eingerichtet (Rauchen verbot sich hier von selbst), so als ob man hier nur Smoking oder Abendkleid tragen dürfe und ich fühlte mich in meiner Garderobe (teenielike: Jeans, T-Shirt, Sweatshirt, Lederjacke) etwas fehl am Platze. Da alle Vor-Lesenden aber nur im statistischen Mittel "eher festlich" gekleidet waren, war es nicht ganz so schlimm. Für uns war in der ersten Reihe reh-serviert.
Als ich erzählte, dass ich erst am Vortag geheiratet und mich die Nacht über mit meiner Schwägerin unterhalten hatte, wurde ich pormpt gefragt, wo denn meine Frau sei.... Wir hatten noch über eine Stunde Zeit, uns gegenseitig mit Lampenfieber anzustecken, bis es dann tatsächlich losging.
Der Moderator Daniel Suckert führte durchs Programm und stieg fleissig aufs Rednerpult herauf und wieder hinunter, manchmal etwas übereifrig, und es erinnerte mich zuweilen an TreppStep (man kennt das ja, Aerobic, wo man auf ein Brettl steigt, auf und ab). Musik gabs auch immer wieder, von Lukas Spanblöchl an der Trompete. Da ich die Reihenfolge der Auftritte nicht auswendig gelernt hatte, bekam ich schon zweimal zu früh Herzklopfen. Gut, dass ich mich an meiner Wasserflasche festhalten konnte!
Als es dann soweit war, nestelte ich eine gefühlte Ewigkeit mit dem Text herum, den ich mir zusammengefaltet aus der Hosentasche gezogen hatte. Um die für mich unerträgliche Spannung zu lockern, fragte ich "Wer von Ihnen ist freiwillig hier?", sah aber niemanden sich melden. Ich war ja mit dem Text entpacken abgelenkt. Mein Vortrag war wohl ok, nur beim letzten Satz sei es mit mir durchgegangen. Das war wohl einerseits der Endspurt, andererseits hatte ich die Anmerkung am Ende nicht vorlesen geübt. Das merke ich mir, falls ich nochmal was vorlesen muss.
Offizieller Rückblick auf die Veranstaltung mit Gruppenfoto hier: COGNAC & biskotten
Nach dem offiziellen Teil waren wir noch gemeinsam etwas essen. Für mich gabs dort Hirschragout mit Spatzln, da ich das Fohlen (Österreicher verzehren mitunter Seltsames...) verschonen wollte. Ich fragte extra nach, ob mit Fohlen tatsächlich ein Pferdebaby gemeint sei, was mir bestätigt wurde. Schon merkwürdig, bei einem Bambi hätte ich keine Hemmungen gehabt.
Wie einst Deutschland in Ost und West war dieses Restaurant in Raucher und Nichtraucher getrennt, durch eine Glasscheibe. Ich entfleuchte also an die Bar (wo ich eigentlich nur den Aschenbecher benutzen wollte, aber angesprochen wurde) und liess mich dort feiern. Dazu ist der Pokal sehr vorteilhaft gewesen!
Michi, Jakob und ich lasen an der Bar zu dritt meine Geschichte mit verteilten Rollen. Den Text hatte ich mir farbig markiert - grün für den Otto, rot für die direkte Rede der Nebenrollen und gelb für den Erzähler - Michi las grün, ich rot und Jakob meinte "Ich bin gelb!", was Lukas mit "Du bist nicht gelb, Du bist blau!" kommentierte und damit gar nicht so falsch lag. Das war vielleicht eine Gaudi!
Mitternacht war Sperrstunde, also zogen die verbliebenen Autoren und ich weiter in eine diskolaute Kneipe an der Innbrücke, die zum Gasthof Innbrücke gehörte, der auch kein Zimmer mehr frei hatte. Um zwei war dann aber auch dort Zapfenstreich, so dass wir beschlossen, nun die restliche Nacht doch noch aufs Schlafen zu verwenden. Im Hotel Weisses Kreuz fand ich sogar noch ein Zimmer mitten in der Nacht.
Am nächsten Morgen sah ich dann auch das Goldene Dachl mit der Nordkette dahinter, was bei Sonnenschein und blauem Himmel noch viel beeindruckender aussah als hier: Foto
Die Rückfahrt verbrachte ich teils schlafend (Innsbruck bis München), teils ein Buch über Moderne Betriebssysteme lesend (München bis Hannover), weil ich den etwas grantig wirkenden neben der Steckdose sitzenden Herrn nicht mit meiner Stromversorgung behelligen wollte. Danach fummelte ich noch halbherzig am meinem Code herum, bis mich Erschöpfung und Schlaf übermannten.
Am Bahnhof holte mich mein frisch gebackener Ehemann ab und ich war selig, wieder daheim zu sein.
Das Literaturmagazin COGNAC & biskotten hatte Texte mit max. 2000 Zeichen zum Thema Anerkennung gesucht.
Da hab ich, gerade noch rechtzeitig vor Einsendeschluss, mitgemacht und siehe da - Link- auch gewonnen. Also werde ich mir die 2-3 Minuten zzgl. Hin- und Rückreise Zeit nehmen und meinen Text in Österreich lesen.
Es war ein toller Abend! Die Reise hat sich für mich gelohnt: Ich erhielt den "Wolfgang-Nöckler-Wort- und Sinn-Designpreis zum Wohle der Augen und Ohren" und hatte die Ehre, unter anderem den Namensgeber meines Preises persönlich kennen zu lernen!
/edit 3:
Bild vom Pokal lässt sich grade nicht hochladen. *grummel
Ich rate übrigens dringend von einer Reservierung im "Volkshaus Innsbruck" ab. Die dortige Übernachtung kann ich nicht beurteilen, da es dazu nicht gekommen ist.
Empfehlen kann ich hingegen eine Übernachtung im HOTEL WEISSES KREUZ in der Innsbrucker Altstadt, direkt in der Fussgängerzone.
Dort habe ich nachts um viertel vor drei noch einchecken können und bekam ein "Einzelzimmer Fliesswasser" für 35 Euro. Darunter ist zu verstehen, dass sich im Zimmer neben Bett, Schreibtisch mit Stuhl und Schrank ein Waschbecken mit fliessendem Wasser, frischen Handtüchern etc. befindet, das WC und die Dusche allerdings nur einmal pro Etage zu finden sind.
Frühstücksbuffet ist im Preis inbegriffen und ebenso lecker wie reichhaltig.
Obwohl teilweise von wahren Begebenheiten beeinflusst, ist diese Geschichte frei erfunden.
„Herr Mayer, hörn Sie zu?“ Otto war kurz eingenickt und schwieg betreten, sah aber den Professor jetzt sehr aufmerksam an. Wie peinlich! Die erste Vorlesung im neuen Semester und gleich pennte er weg. So wahnsinnig spannend war die Geschichte der Betriebssysteme wirklich nicht, also schweiften seine Gedanken bald wieder ab. Ob sein Schatz schon aufgestanden war? Nachmittags wollte Otto noch einen Anruf tätigen. Davon abgesehen würde er genug Zeit haben, im Buch nachzulesen, was er verpasst hatte.
„Mayer, schönen guten Tag, ich möchte ein Auto reservieren. Von Hamburg nach Hamburg, übers Wochenende 12. bis 14. November.“
Otto freute sich auf das gemeinsame Wochenende am Meer mit seinem Verlobten. Hannes hatte keinen Führerschein und bewunderte ihn, wenn er fuhr. Otto selbst fuhr sehr gerne Auto und auch gern schnell, wenn auch beides selten. Gelegentlich einen Mietwagen zu nehmen war für sie beide einfach wirtschaftlicher als ein eigenes Fahrzeug zu unterhalten. Zudem war es bequemer, wenn man sich um all die lästigen Eigentümerpflichten nicht selbst kümmern musste. Nur ein Anruf bei der Autovermietung und man war vorübergehender Besitzer eines Kraftwagens.
„Gern, wie war der Name nochmal?“ „Otto Mayer. Mit A und Üpsilon.“ „Ja, Frau Otto-Mayer, und der Vorname?“ Hatte er undeutlich gesprochen? „HERR Mayer. Mein VORname ist OTTO.“ Spätestens jetzt war er sich sicher, dass es nicht auf eine eventuell am anderen Ende schlechtere Verbindung zu schieben war. „Achso, Entschuldigung. Frau Herrmayer, wie ist Ihr Vorname?“, flötete es. „HERR – OTTO – MAYER!“ , korrigierte er überdeutlich und unnötig laut, „Anrede: Herr! Nachname: Mayer! Vorname: Otto!“ „Oh, Entschuldigung. Ich verstehe, Sie fahren also gar nicht selbst. Wen darf ich als Fahrer eintragen?“
„Darf ich mitspielen?“, hatte Otto gefragt. „Wir spielen nicht mit Mädchen!“ hatte der grössere Junge gerufen. Otto hatte daraufhin gesagt: „Ich bin kein Mädchen!“ Er hatte doch nur mit den anderen Jungs Fussball spielen wollen . „Natürlich bist Du eins! Jungs ziehen keine Röcke an. Wer einen Rock anhat, ist auch ein Mädchen.“ Die anderen hatten gelacht und Otto hatte an sich herabgesehen und trotz seiner seltsamen Bekleidung darauf beharrt, ein Junge zu sein. Von da an brachten ihn keine zehn Pferde mehr dazu, in die Schule einen Rock anzuziehen.
„Doch, ich fahre selbst.“, sagte er jetzt ganz ruhig, „Otto Mayer, der bin ich.“ Stille in der Leitung. Er konnte das Tippen im Hintergrund hören. „Gut, dann gebe ich Ihnen jetzt die Reservierungsnummer, Herr Mayer.“ Er notierte sie, bedankte und verabschiedete sich und legte auf.
Unschlüssig was noch zu tun sei, sah Otto auf die Uhr. Es war erst halb vier. Hannes würde wie üblich noch bis zum späten Abend im Büro sein. Otto legte zwar keinen gesteigerten Wert darauf, vor die Tür zu gehen, aber das Brot war alle und Hannes würde nachher welches essen wollen. Also machte er sich auf den Weg zum Bäcker.
Er brauchte nicht lange zu überlegen, denn vom Angeschobenen war noch etwas da, das war seine Lieblingssorte. „Die Dame?“ Otto sah sich um: Er stand als einziger an der Theke. Die Verkäuferin sah ihn direkt an. „Die Dame“, wiederholte sie, „Sie wünschen?“ Ja, nenn mich nicht 'Dame', dachte er. „Das Angeschobene bitte. Am Stück.“, bestellte er. „Sonst noch einen Wunsch?“ Den kannst Du mir eh nicht erfüllen. „Danke, nein.“
„Mädchen, Mädchen!“hatten sie laut gerufen und mit dem Finger auf ihn gezeigt. Otto schämte sich. Sie hatten es herausgefunden.
Er klemmte sich das Brot unter den Arm und verliess den Laden. Er zündete sich eine Zigarette für den Weg an und wandte sich zum Gehen. „Kollege, haste mal Feuer für mich?“, sprach ihn ein Passant an. Otto hatte das Feuerzeug noch nicht weggesteckt und reichte es mit einem Lächeln weiter. „Klar.“ Das Leben ist schön.
Vier Uhr. Otto war wieder zu Hause angekommen und seine Blase meldete sich langsam. Es war seit dem frühen Morgen das erste Mal, aber es hatte sicher noch eine, vielleicht auch zwei Stunden Zeit. Otto war gut im Training. Er hatte sich aus gutem Grund angewöhnt, tagsüber einzuhalten. Er ging nicht auf öffentliche Toiletten, wenn es sich irgendwie vermeiden liess. In Schulen nicht und auch nicht in der Uni, wo er vormittags bei der Vorlesung war.
Otto hatte dringend gemusst. Er musste sich beeilen, die anderen suchten ihn bestimmt schon. Er war vor ihnen weggelaufen. „Das ist das Mädchenklo, da dürfen wir nicht rein.“ „Ach was, das merkt doch keiner.“ Der dicke Serkan war der Mutigste und hatte seine Kumpane überredet. Er stieg in der Nachbarkabine auf den Klodeckel, von da auf den Klokasten und lugte so über den Rand der Kabinentrennung. Otto sass da mit heruntergelassenen Hosen und versuchte notdürftig, seine Scham zu verdecken. Aber es war schon zu spät. „Hab ichs doch gewusst, das isn Mädchen!“
Er war verdammt nochmal kein Mädchen, keine Frau und erst recht keine Dame. Er war damals ein Junge gewesen und heute ein Mann. Er war es wirklich satt. Sein Körper sah – wohl auch weil er noch keine Operationen gehabt hatte – noch arg weiblich aus, und deswegen konnte er seinen Mitmenschen für eine versehentliche falsche Anrede keinen Vorwurf machen. Ihm würde es ja genauso gehen mit einer Fehleinschätzung auf den ersten Blick.
Trotzdem machte es ihn wütend und traurig, wenn er nicht wie ein Mann behandelt wurde, sondern wie eine Frau, die ein Mann sein will. Kommilitonen brachten es fertig, ihn mit 'Otto' anzusprechen, in der dritten Person über ihn aber von einer 'sie' zu reden. Und das, obwohl er sich gleich als Otto bei ihnen vorgestellt hatte. Ein Tutor hatte auch einmal versehentlich 'sie' gesagt; sich dann aber sofort korrigiert und selber nicht verstanden, wie er darauf gekommen war, und entschuldigte sich sofort. Da diesem die Situation noch unangenehmer war als Otto, tat er ihm schon wieder leid.
Mittlerweile hatte er alle Papiere auf 'Otto Mayer' und konnte sich damit ausweisen, aber das reichte nicht aus. Otto bekam erst seit einem Jahr Testosteron und die Hormone brauchten ihre Zeit, bis sie Wirkung zeigten. Eine normale, männliche Pubertät dauert etwa fünf Jahre. Das hatte sein Arzt ihm auch gesagt. Kommt Zeit, kommt Bart. Er musste nur Geduld haben.
„So, Du willst ein Junge sein?“ Otto schwieg. „Mädchen schlägt man nicht.“, erklärte Serkan. „Also suchs Dir aus: Bist Du ein Junge oder ein Mädchen?“ „Junge.“ antwortete Otto trotzig. „Dann musst Du auch einstecken wie ein Junge.“ Von da an verfolgten die vier Otto jeden Tag in der Pause, schlugen, bissen, tritten und bespuckten ihn. Das war es ihm wert, wie ein Junge behandelt zu werden. Also lag er zusammengekrümmt auf dem Boden und wartete, bis sie von ihm abliessen.
Otto wusste nicht so recht, was er in sein Tagebuch schreiben sollte. Heute war ein ganz normaler Tag gewesen. Doch, da fiel es ihm wieder ein. Der nette Mann, der ihn um Feuer gebeten hatte. Also schrieb er: - Vorlesung besucht - Auto reserviert - Brot geholt - Passing gehabt
Damals, als es mir noch scheisse ging. Nein, das will doch keine Sau lesen. Ich hatte schon ewig nichts mehr geschrieben.
Heute gehts mir blendend. Nee, das ist gelogen. Ich löschte auch diesen Satz wieder.
Als ich noch - verdammt! Was will ich denn eigentlich sagen? Für mich hat sich doch gar nichts geändert. Ich bin immer noch derselbe. Nur nach aussen hin hat es den Anschein, als habe sich jede Menge geändert. Weil sich eben mein Äusseres geändert hat. Hat es das wirklich so sehr? Mir selbst fällt das kaum auf, weil ich mich immer schon so gesehen habe.
Nein, eigentlich hat sich gar nichts geändert. Und uneigentlich verdammt viel. Ja, so gehts. Das ist ein Anfang. Wenn es nur nicht noch so lange hin wär. Ich kann mich doch nicht heute dahinsetzen und übers morgen schreiben, als wenns gestern wär. Oder doch? Das nennt man dann wohl eine Utopie.